»ZOO MOCKBA« im phanTECHNIKUM (9. Februar bis 14. Mai 2017)

In den wunderschönen Räumen des Technischen Landesmuseums Mecklenburg-Vorpommern wird unsere Ausstellung »ZOO MOCKBA – Aufbruch in die Moderne« erstmals in Deutschland präsentiert. Neue Objekte, Fotos und Informationstafeln erweitern die Ausstellung ganz wesentlich. Allen, die zum Gelingen beigetragen haben, danken wir sehr herzlich. Mehr Informationen: phanTECHNIKUM

 

Presse, Funk und Fernsehen

Die historischen Spielzeugtiere der Sowjetunion werden erstmals in einer umfassenden Ausstellung gezeigt. Die mediale Resonanz zu dem Thema ist sehr erfreulich. Dabei konnten wir deutlich machen, dass »ZOO MOCKBA« nicht nur eine fröhliche, bunte Spielzeugschau ist, sondern vor allem eine Ausstellung zu Design und Alltagskultur, in deren Mittelpunkt die Biographien der sowjetischen Spielzeuggestalter stehen.

»Spielzeug aus Holz? Schwierige Kindheit!«

Mit vollem Haus und bester Stimmung wurde die Ausstellung »ZOO MOCKBA – Aufbruch in die Moderne« im Technischen Landesmuseum PhanTechnikum eröffnet. Bürgermeister Thomas Beyer blickte mit feierlichen Worten in die eigene Vergangenheit und auch viele Besucher schwelgten in glücklichen Erinnerungen. Eine Dame aus Russland konnte sich sogar an ein Sprichwort ihrer Jugend erinnern: »Spielzeug aus Holz? Schwierige Kindheit!«. Spielzeug aus Plastik galt in jener Zeit auch in der Sowjetunion als Inbegriff von Wohlstand, Modernität und sozialer Akzeptanz. Vieles hat sich seither geändert.

Ausstellungsaufbau in Wismar

Die alte Hansestadt an der Ostsee empfing uns mit großen Plakaten des »ZOO MOCKBA«. Im Technischen Landesmuseum machten wir uns an den Ausstellungsaufbau. Dabei hatten wir tatkräftige Unterstützung von Direktor Andrej Quade und dem technischen Mitarbeiter Michael Clewinghaus. An dieser Stellen noch einmal unser ganz herzliches Dankeschön!

Einzigartige Unikate

Die Ausstellung ZOO MOCKBA präsentiert eine umfangreiche Kollektion historischer Spielzeugtiere aus Zelluloid, Plastik und Gummi. Die ältesten Objekte stammen aus den 1940er Jahren. Viele Sammlungsstücke dokumentieren gleichermaßen den hohen gestalterischen Anspruch, der dem Kinderspielzeug beigemessen wurde, wie auch die künstlerische Ausdruckskraft ihrer Schöpfer. Adolf Neystat arbeitete am staatlichen Institut für Spielzeuggestaltung in Moskau. Er schuf ca. 650 Modelle für Spielfiguren, die verschiedenen Firmen im gesamten Gebiet der Sowjetunion zur Verfügung gestellt wurden. In Kooperation mit Pädagogen und Therapeuten konzipierte das Institut auch therapeutisches Spielzeug. Neben vielen Tieren entwarf Adolf Neystat große Figuren zu bekannten Märchen (Pinocchio, Das bucklige Pferdchen, Die Schneekönigin, Der Hirsch mit dem goldenen Geweih, Dr. Aybolit), die vor allem für Kindergärten und Schulen bei integrativen Rollenspielen zum Einsatz kamen. Einhundert originale Entwurfsmodelle aus den 1970er und 1980er Jahren – aus Gips geformt und handbemalt – machte uns Adolf Neuystat zum Geschenk. Diese einzigartigen Unikate verleihen der Sammlung eine ganz besondere Bedeutung. Voll funktionsfähig in all ihren beweglichen Teilen, offenbaren sie die gestalterische und handwerkliche Meisterschaft des Künstlers.

Eine Ausstellung in der Heimatstadt

Der Bildhauer, Spielzeuggestalter und Schriftsteller Lev Razumovsky verstarb vor zehn Jahren. Im Sankt Petersburger »Museum der Kindheit in Leningrad« eröffnete am 10. Dezember 2016 zu seinen Ehren eine Ausstellung. Die Kuratorin Daria Soboleva stellt Razumovskys Spielzeug in den Mittelpunkt der Werkschau. Mit Unterstützung von Frau und Tochter, Elena und Maria Razumovskaya, werden neben seltenen Puppen, Tieren und Spielfiguren auch handgefertigte Modelle und originale Entwurfszeichnungen präsentiert. Daria Soboleva hat sich um die Geschichte des sowjetischen Spielzeugs sehr verdient gemacht. Sie hat mit ihrer Forschungsarbeit und ihren Publikationen die Schöpfer dieser vergangenen Spielwelt vor dem Vergessen bewahrt. Zudem steht sie verlässlich an unserer Seite und bietet ihre Unterstützung an, wo immer es möglich ist. Ohne Daria wäre unsere Ausstellung »ZOO MOCKBA« in dieser Weise undenkbar. So ist es eine große Freude heute aus Berlin nach Sankt Petersburg zu grüßen und auf den Bildern ihrer Razumovsky-Ausstellung den vertrauten Raum des Museums wieder zu sehen, wie auch Elena, Maria, Michail Worobjew und Irina Gumel, denen ich bei meiner Reise nach Sankt Petersburg persönlich begegnen durfte.

Premiere in Deutschland

Die Absolventen der Leningrader Kunsthochschule wagten ab Mitte der 1950er Jahre einen Aufbruch in die Moderne. Ihre fröhlichen Tiere aus buntem Kunststoff sind bis heute beispielgebend. Ab Februar 2017 wird unsere Ausstellung ZOO MOCKBA dies erstmals auch hierzulande dokumentieren. Für Themen wie Spielzeuggestaltung und Industriedesign ist das Technische Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern eine erste Adresse. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im phanTechnikum in der Hafenstadt Wismar.

Große Kunst für kleine Kinder

In Tomsk geboren, begann Boris Worobjew (1911 – 1990) seine Laufbahn auf verschlungenen Wegen. Er arbeitete als Maurer, Lehrer und Luftakrobat im Zirkus, bevor er 1932 mit einem Architekturstudium in Moskau begann. Schon während des Studiums konnte er mit seinen Werken bei verschiedenen Kunstausstellungen auf sich aufmerksam machen. Im Jahre 1936 wechselte er an die Hochschule in Leningrad, um fortan Bildhauerei zu studieren. Bereits während des Studiums arbeitete er für die Lomonosow Porzellanmanufaktur und machte sich mit seinen Tierplastiken einen Namen. Während der Blockade zählte er zu den Verteidigern Leningrads. Von Hunger und Krankheiten gezeichnet, setzte Boris Worobjew nach Ende des Krieges sein Studium fort. Mit seiner Skulptur »Die Wölfin in der Falle« brach er die Regel, dass Tierdarstellungen niemals als Diplomarbeiten eingereicht werden. Nach einer heftigen Debatte an der Hochschule schaffte es Worobjew, das Thema Tierplastik von diesem Makel zu befreien. Die Diplomarbeit des meinungsstarken Absolventen wurde umgehend von den Staatlichen Museen erworben. Ende der 1940er Jahre gestaltet er auch eine Reihe naturalistischer Zelluloid-Spielzeugtiere im Auftrag der Okhta Werke Leningrad (OHK). In großer Stückzahl produziert, fanden sie in vielen Kinderzimmern ein Zuhause, während seine Skulpturen auf internationalen Kunstausstellungen gefeiert wurden. Die Tierskulpturen Boris Worobjews stehen heute in der Eremitage, im Russischen Museum und in der Tretjakow Galerie. Seine Spielzeugtiere haben ihren Platz in unserer Ausstellung ZOO MOCKBA.

Glückliche Momente

Die Spielzeugtiere der Sowjetunion betrachten wir mit staunendem Interesse als kulturelles Phänomen einer vergangenen Ära, als künstlerischen Ausdruck eines neuen Lebensgefühls, als Bekenntnis zur Moderne und als industrielles Massenprodukt für breite Bevölkerungsschichten. Sie waren aber vor allem und zu aller erst eine Freude für kleine Kinder. In einer Zeit, in der weder von Weichmachern noch vom Ozonloch die Rede war, verbanden sich viele Zukunftserwartungen mit einer leistungstarken chemischen Industrie. Die preiswerten bunten Tiere aus Zelluloid, PVC und Gummi sorgten auch in schwierigen Zeiten materiellen Mangels und gesellschaftlichen Stillstands bei den Kindern für unbeschwerte Glücksmomente. Wir freuen uns sehr, wenn wir Fotodokumente erhalten, die Kinder mit ihren Spielzeugtieren zeigen.

Ein Leben für die Tiere

Während der Blockade Leningrads besuchte Natalia Tyrkova (1928 – 2015) eine Berufsschule und arbeitete zugleich als Dreherin in einer Waffenschmiede, die Bauteile für den Raketenwerfer »Katjuscha« fertigte. Sie wurde mit der Medaille für die Verteidigung Leningrads geehrt. Ab 1945 studierte sie an der Kunsthochschule. Seit dieser Zeit war sie mit all den künftigen Spielzeuggestaltern der Leningrader Künstlerszene bestens bekannt. 1953 ging sie für ein Jahr an das Institut für Spielzeuggestaltung in Zagorsk. Im weiteren Verlauf ihres Berufslebens arbeitete sie für die Gummiwarenfabrik »Krasnyj Treugolnik«, aber auch für OHK Leningrad und andere Hersteller in der Sowjetunion. Natalia Tyrkovas Fähigkeit, Spielzeugtieren einen eigenen Ausdruck zu verleihen, zeugt von einem umfassenden Naturstudium und von einem tiefen Verständnis der Dinge. Blieben ihre frühen Entwürfe in den 1950er und 1960er Jahren noch nah am realistischen Vorbild, fand sie fortan mit gestalterischem Mut zu immer reduzierteren Formen. In ihren letzten Lebensjahren widmete sich Natalia Tyrkowa mit zahllosen Zeichnungen und Aquarellen ihrer großen Liebe, den Katzen. In ihrem Haus vor den Toren Leningrads fanden sich einige ihrer frühesten Tierzeichnungen, die sie während des Krieges ihrer Mutter aus dem Krankenhaus sendete.