Krasnyj Treugolnik

Das »Rote Dreieck« liegt am Rande von Petersburg. Bereits im Jahre 1860 von einem Hamburger Kaufmann gegründet, entwickelte sich das russisch-amerikanische Gummiwerk Treugolnik am Obvodny Kanal zu Europas größtem Gummiproduzenten. Gummischuhe aller Art standen auf dem Programm. Mehr als 20 Millionen Paar liefen im Jahre 1912 vom Band. Während des I. Weltkrieges wurden auch Autoreifen und Gasmasken produziert. In den Jahren nach der Revolution wurde das Werk verstaatlicht. Fortan hieß es Krasnji Treugolnik (Rotes Dreieck). Neben Schuhen wurden nun auch Gummi- und Kautschukteile für sämtliche Industriezweige produziert. Während der deutschen Belagerung Leningrads (1941 – 44) war der Betrieb wiederum für die Rüstungsproduktion bedeutsam. Erst nach dem Wiederaufau der stark zerstörten Fabrikanlagen wurden seit den 1950er Jahren auch Spielwaren hergestellt. Natalia Tyrkova und Galina Sokolova verbrachten ihr ganzes Berufsleben damit, wunderbare Tiere und Figuren aus Gummi zu gestalten. Heute werden in dem weitläufigen Areal keine Gummiprodukte mehr produziert. Autoschrauber und junge Kreative haben sich darin ihren Platz erobert. Der größte Teil des imposanten Werkes ist jedoch dem Verfall preisgegeben, ein Ort der Erinnerung an bessere Zeiten.

Authentische Orte

Bei manchen Begegnungen in Sankt Petersburg traf ich auf historische Spielzeugtiere. Einige zeigen wir bereits in unserer Ausstellung. Andere waren neu und uns gänzlich unbekannt. Auch Entwurfsmodelle aus Gips und Modeliermasse, tatsächliche Unikate, bekam ich zu sehen. Tiere aus Zelluloid konnte ich neben Büsten von Boris Worobjew fotografieren, seltene Spielzeuge und Modelle am Arbeitsplatz von Lev Razumovsky. Daria Soboleva zeigte mir in ihrer Werkstatt restaurierte Modelle von Natalia Tyrkova und im einstigen Wohnhaus der Künstlerin begegneten mir Frosch und Hase, sowie eine Katze, die ich nie zuvor gesehen hatte.

Persönliche Begegnungen

In Sankt Petersburg besuchte Daria Soboleva mit mir Michael Worobjew, den Sohn des Bildhauers und Malers Boris Worobjew. Er war ein sehr großzügiger und warmherziger Gastgeber und er gab einen tiefen Einblick in das Leben seines Vaters. Wir trafen Elena und Maria Razumovskaya, Frau und Tochter des Bildhauers und Malers Lev Razumovsky, die das Angedenken an ihn sehr in Ehren halten und ich konnte sehr seltene Spielzeuge am Arbeitsplatz des Künstlers fotografieren. Wir besuchten den Maler und Bildhauer Lev Smorgon in seinem Atelier, dass ich bereits von Bildern kannte und es war ein großartiges Gefühl, dieser imposanten Erscheinung in seinem Refugium nun persönlich gegenüber zu stehen. Galina Tyrkova begrüßte uns im kleinen Haus ihrer Schwester Natalia, die im November 2015 verstarb. Es war sehr berührend, dort alte Fotografien anzuschauen und Briefe mit frühesten Tierzeichnungen, die Natalia während des Krieges aus dem Krankenhaus an ihre Mutter sendete. Wir trafen auf dem Roten Platz in Moskau Sergey Romanov, den erfolgreichsten Privatsammler von russischem Spielzeug, bevor wir den Nachmittag und einen wunderbaren Abend beim großherzigen Adolf Neystat und seiner Frau Inna Khodzhaeva verbrachten, bis uns der Nachtzug wieder nach Sankt Petersburg brachte. Im Museum der Kindheit in Leningrad nahm sich die Direktorin Irina Gumel für uns Zeit und zudem trafen wir den Fotografen und Journalisten Eugen von Arb und die Ausstellungskuratorin Anna Lebedkova im Club der Galerie Borej zu einem sehr herzlichen und anregenden Gespräch.

Unterwegs mit Daria Soboleva

Die Freundschaft mit Daria Soboleva ist für uns ein wahrer Glücksfall. Die stille bescheidene Frau ist im weltweiten Web nicht leicht zu finden. Seit wir dennoch miteinander in Kontakt kamen, hat sie uns ohne Vorbehalt an ihrem Wissen teilhaben lassen und unsere Ausstellung maßgeblich unterstützt. Sie ist die Erste, die sich mit Ernst und Sachverstand der einstigen Leningrader Spielzeugindustrie zuwandte und dabei renommierte Künstler ihrer Heimatstadt als innovative Gestalter ausfindig machte und mit ihnen ins Gespräch kam. Zu Lev Smorgon, Lev Razumovsky und Marianna Motovilowa hat sie bereits biografische Schriften publiziert. Bei meinem Besuch in Sankt Petersburg durfte ich einen ersten Blick in ihr neues Buch »Leningrader Skulpturen für Kinder« werfen, dass die exponiertesten Künstler der Leningrader Schule sehr ausführlich behandelt. Es war eine große Freude, Daria endlich persönlich zu begegnen und sie nahm sich eine ganze Woche Zeit, um mit mir ein straffes Programm zu absolvieren, dass sehr persönliche Begegnungen mit hochbetagten Spielzeuggestaltern oder aber auch mit deren Hinterbliebenen ermöglichte. Wir besuchten zudem bei Wind und Wetter die Industrieruinen der Gummiwarenfabrik Krasnyj Treugolnik (Rotes Dreieck), die Hochschule für Angewandte Kunst, an der die Spielzeuggestalter einstmals studiert hatten und auch das Museum der Kindheit in Leningrad, in dem mir Daria sehr anschaulichen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Vergangenheit gab. So zeigte ein historisches Foto eine junge Frau, die ihrer Nichte eine Puppe kaufte – kurz bevor sie während der deutschen Blockade mit 19 Jahren an Hunger starb. Eine gemeinsame Tagesreise nach Moskau machte es zudem möglich, Adolf Neystat zu begegnen und ihm endlich persönlich zu danken für all die handgefertigten Entwurfsmodelle, die er mir zum Geschenk gemacht hat. Es waren sehr ereignisreiche Tage, die in unsere Ausstellung einfließen werden. Daria Soboleva möchten wir einmal mehr sehr herzlich danken, dass sie all das organisiert und ermöglicht hat.

Schatzsuche in Sankt Petersburg

Vom 1. bis 7. Juli 2016 begab sich Sebastian auf Reisen nach Sankt Petersburg. Es war ein Wiedersehen mit einer Stadt, die beim letzten Besuch vor mehr als 30 Jahren noch Leningrad hieß. Der alte Revolutionär grüßt noch immer in der ganzen Stadt von hohen Sockeln herab. Neu im Stadtbild sind Gucci, Prada und McDonalds. Spielzeug aus sowjetischer Zeit kann man nunmehr auf dem Trödelmarkt finden. Die prall gefüllten Läden offerieren heute das standardisierte Sortiment der westlichen Welt. Spielwaren aus russischer Produktion sind davon nicht mehr zu unterscheiden.

Der Tradition verpflichtet

Birkenwälder, Holzhäuser, Wiesen am Fluss – wenn es eine typisch russische Landschaft gibt, dann findet sich diese in den Bildern des Malers Anatoli Borisov (1944 – 2015). Er wagte weder das Experiment, noch suchte er nach Extremen. Seine künstlerische Heimat fand er in der Einfachheit des ländlichen Lebens und im Traditionellen. Geboren wurde Borisov im Dorf Aleksandrovka im Bezirk Orjol. Von 1965 bis 1969 studierte er an der Fachschule für industrielle Spielzeuggestaltung in Zagorsk. Seit seinem Studium lebte er in Vologta, wo er bis 1980 als Gestalter bei der örtlichen Spielzeugfabrik arbeitete. Das stolze Pferd von Anatoli Borisov hat seinen Platz in unserer Ausstellung. Mit wilder Mähne und wehendem Schweif scheint das stolze Tier geradewegs einer von Borisovs Landschaften entsprungen. Tatsächlich aber zeigt es das bucklige Pferdchen aus dem russischen Märchen – endlich von seinem Fluch befreit.

Querverbindungen

Die »Akkordeon-Tiere« und auch die aufblasbaren Spielfiguren der tschechischen Gestalterin Libuše Niklová zählen heute längst zu den Ikonen des modernen Designs. Das MoMa in New York widmete ihr 2011 bereits eine eigene Ausstellung. 1934 in Zlín geboren, absolvierte sie dort von 1949 bis 1953 ein Studium der angewandten Kunst. Bis 1960 arbeitete sie für die Firma Gumotex in Breclav. Bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1981 war sie dann bei Fatra in Napajedla als Spielzeuggestalterin tätig. Offenbar gab es in den 1960er und 1970er Jahren Kooperationen mit sowjetischen Produktionsbetrieben, denn wir fanden ihre berühmte Katze, produziert bei Wiatka in Kirow, und ihren Löwen, produziert bei Plastpolymer in Leningrad. Dank dieser internationalen Querverbindungen haben auch die Tiere von Libuše Niklová ihren festen Platz in unserer Ausstellung.

»ZOO MOCKBA« ist eröffnet!

Vom 18. März bis 31. August 2016 wird unsere Ausstellung im Naturmuseum Schloss Lackenbach im Burgenland (Österreich) präsentiert. Es ist die erste Ausstellung außerhab Russlands, die sich diesem Thema zuwendet. Mit Spielzeugtieren aus Kunststoff, Zelluloid und Gummi schufen namhafte wie bislang namenlose Gestalter ein einzigartiges Universum, das den Geist einer Epoche wiederspiegelt und das in seinem ernsthaften Gestaltungswillen beispielgebend ist. Viele dieser bunten Spielfiguren sind große Kunst für kleine Kinder – Skulpturen aus Plastik –  die ein traditionsreiches kulturelles Erbe in sich tragen und für Generationen prägend waren.

Auftakt in Lackenbach

Die erste Station unserer Ausstellung ist eröffnet. Eine Idee nahm Gestalt an, manifestierte sich in Arbeit, Investition und vielfältiger Unterstützung, für die wir uns sehr herzlich bedanken möchten. Ohne substanzielle Hilfe wäre alles nur ein Hirngespinst geblieben. Dies gilt für den Aufbau der eigenen Sammlung, für das Erlangen historischer Fakten und biographischer Informationen wie auch für die Installation dieser Webseite. Es gilt zudem ausdrücklich für Herbert Zechmeister, den Direktor des Esterházy Museums Schloss Lackenbach. Einmal mehr galt für ihn, ein Mann ein Wort. So findet die Ausstellung in seinem Museum einen würdigen Auftakt. Eine erste Etappe. Unsere Arbeit geht weiter und schon am nächsten Ort wird der »ZOO MOCKBA« ein anderer sein. Wirft man einen Blick in die Vitrinen, dann gibt es vieles zu entdecken und auch wir selbst erlangen die Gewissheit, dass es der Mühe lohnt.

Ausstellungsaufbau im Burgenland

Im Esterházy Naturmuseum Schloss Lackenbach (Burgenland /Österreich) erlebt unsere Ausstellung »ZOO MOCKBA« ihre Premiere. Die Mitarbeiter des Hauses waren uns beim Aufbau eine große Hilfe. 180 historische Spielzeugtiere fanden in den Vitrinen des Museums einen Platz. Darunter befinden sich auch handgefertigte Entwurfsmodelle, die uns der Moskauer Gestalter Adolf Neystat überlassen hat. Großformatige Fotografien an den Wänden heben einzelne Tiere aus der bunten Menge heraus und zeigen einige in ihren funktionalen Möglichkeiten.