Ausstellungsaufbau in Wismar

Die alte Hansestadt an der Ostsee empfing uns mit großen Plakaten des »ZOO MOCKBA«. Im Technischen Landesmuseum machten wir uns an den Ausstellungsaufbau. Dabei hatten wir tatkräftige Unterstützung von Direktor Andrej Quade und dem technischen Mitarbeiter Michael Clewinghaus. An dieser Stellen noch einmal unser ganz herzliches Dankeschön!

Einzigartige Unikate

Die Ausstellung ZOO MOCKBA präsentiert eine umfangreiche Kollektion historischer Spielzeugtiere aus Zelluloid, Plastik und Gummi. Die ältesten Objekte stammen aus den 1940er Jahren. Viele Sammlungsstücke dokumentieren gleichermaßen den hohen gestalterischen Anspruch, der dem Kinderspielzeug beigemessen wurde, wie auch die künstlerische Ausdruckskraft ihrer Schöpfer. Adolf Neystat arbeitete am staatlichen Institut für Spielzeuggestaltung in Moskau. Er schuf ca. 650 Modelle für Spielfiguren, die verschiedenen Firmen im gesamten Gebiet der Sowjetunion zur Verfügung gestellt wurden. In Kooperation mit Pädagogen und Therapeuten konzipierte das Institut auch therapeutisches Spielzeug. Neben vielen Tieren entwarf Adolf Neystat große Figuren zu bekannten Märchen (Pinocchio, Das bucklige Pferdchen, Die Schneekönigin, Der Hirsch mit dem goldenen Geweih, Dr. Aybolit), die vor allem für Kindergärten und Schulen bei integrativen Rollenspielen zum Einsatz kamen. Einhundert originale Entwurfsmodelle aus den 1970er und 1980er Jahren – aus Gips geformt und handbemalt – machte uns Adolf Neuystat zum Geschenk. Diese einzigartigen Unikate verleihen der Sammlung eine ganz besondere Bedeutung. Voll funktionsfähig in all ihren beweglichen Teilen, offenbaren sie die gestalterische und handwerkliche Meisterschaft des Künstlers.

Eine Ausstellung in der Heimatstadt

Der Bildhauer, Spielzeuggestalter und Schriftsteller Lev Razumovsky verstarb vor zehn Jahren. Im Sankt Petersburger »Museum der Kindheit in Leningrad« eröffnete am 10. Dezember 2016 zu seinen Ehren eine Ausstellung. Die Kuratorin Daria Soboleva stellt Razumovskys Spielzeug in den Mittelpunkt der Werkschau. Mit Unterstützung von Frau und Tochter, Elena und Maria Razumovskaya, werden neben seltenen Puppen, Tieren und Spielfiguren auch handgefertigte Modelle und originale Entwurfszeichnungen präsentiert. Daria Soboleva hat sich um die Geschichte des sowjetischen Spielzeugs sehr verdient gemacht. Sie hat mit ihrer Forschungsarbeit und ihren Publikationen die Schöpfer dieser vergangenen Spielwelt vor dem Vergessen bewahrt. Zudem steht sie verlässlich an unserer Seite und bietet ihre Unterstützung an, wo immer es möglich ist. Ohne Daria wäre unsere Ausstellung »ZOO MOCKBA« in dieser Weise undenkbar. So ist es eine große Freude heute aus Berlin nach Sankt Petersburg zu grüßen und auf den Bildern ihrer Razumovsky-Ausstellung den vertrauten Raum des Museums wieder zu sehen, wie auch Elena, Maria, Michail Worobjew und Irina Gumel, denen ich bei meiner Reise nach Sankt Petersburg persönlich begegnen durfte.

Premiere in Deutschland

Die Absolventen der Leningrader Kunsthochschule wagten ab Mitte der 1950er Jahre einen Aufbruch in die Moderne. Ihre fröhlichen Tiere aus buntem Kunststoff sind bis heute beispielgebend. Ab Februar 2017 wird unsere Ausstellung ZOO MOCKBA dies erstmals auch hierzulande dokumentieren. Für Themen wie Spielzeuggestaltung und Industriedesign ist das Technische Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern eine erste Adresse. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im phanTechnikum in der Hafenstadt Wismar.

Große Kunst für kleine Kinder

In Tomsk geboren, begann Boris Worobjew (1911 – 1990) seine Laufbahn auf verschlungenen Wegen. Er arbeitete als Maurer, Lehrer und Luftakrobat im Zirkus, bevor er 1932 mit einem Architekturstudium in Moskau begann. Schon während des Studiums konnte er mit seinen Werken bei verschiedenen Kunstausstellungen auf sich aufmerksam machen. Im Jahre 1936 wechselte er an die Hochschule in Leningrad, um fortan Bildhauerei zu studieren. Bereits während des Studiums arbeitete er für die Lomonosow Porzellanmanufaktur und machte sich mit seinen Tierplastiken einen Namen. Während der Blockade zählte er zu den Verteidigern Leningrads. Von Hunger und Krankheiten gezeichnet, setzte Boris Worobjew nach Ende des Krieges sein Studium fort. Mit seiner Skulptur »Die Wölfin in der Falle« brach er die Regel, dass Tierdarstellungen niemals als Diplomarbeiten eingereicht werden. Nach einer heftigen Debatte an der Hochschule schaffte es Worobjew, das Thema Tierplastik von diesem Makel zu befreien. Die Diplomarbeit des meinungsstarken Absolventen wurde umgehend von den Staatlichen Museen erworben. Ende der 1940er Jahre gestaltet er auch eine Reihe naturalistischer Zelluloid-Spielzeugtiere im Auftrag der Okhta Werke Leningrad (OHK). In großer Stückzahl produziert, fanden sie in vielen Kinderzimmern ein Zuhause, während seine Skulpturen auf internationalen Kunstausstellungen gefeiert wurden. Die Tierskulpturen Boris Worobjews stehen heute in der Eremitage, im Russischen Museum und in der Tretjakow Galerie. Seine Spielzeugtiere haben ihren Platz in unserer Ausstellung ZOO MOCKBA.

Glückliche Momente

Die Spielzeugtiere der Sowjetunion betrachten wir mit staunendem Interesse als kulturelles Phänomen einer vergangenen Ära, als künstlerischen Ausdruck eines neuen Lebensgefühls, als Bekenntnis zur Moderne und als industrielles Massenprodukt für breite Bevölkerungsschichten. Sie waren aber vor allem und zu aller erst eine Freude für kleine Kinder. In einer Zeit, in der weder von Weichmachern noch vom Ozonloch die Rede war, verbanden sich viele Zukunftserwartungen mit einer leistungstarken chemischen Industrie. Die preiswerten bunten Tiere aus Zelluloid, PVC und Gummi sorgten auch in schwierigen Zeiten materiellen Mangels und gesellschaftlichen Stillstands bei den Kindern für unbeschwerte Glücksmomente. Wir freuen uns sehr, wenn wir Fotodokumente erhalten, die Kinder mit ihren Spielzeugtieren zeigen.

Ein Leben für die Tiere

Während der Blockade Leningrads besuchte Natalia Tyrkova (1928 – 2015) eine Berufsschule und arbeitete zugleich als Dreherin in einer Waffenschmiede, die Bauteile für den Raketenwerfer »Katjuscha« fertigte. Sie wurde mit der Medaille für die Verteidigung Leningrads geehrt. Ab 1945 studierte sie an der Kunsthochschule. Seit dieser Zeit war sie mit all den künftigen Spielzeuggestaltern der Leningrader Künstlerszene bestens bekannt. 1953 ging sie für ein Jahr an das Institut für Spielzeuggestaltung in Zagorsk. Im weiteren Verlauf ihres Berufslebens arbeitete sie für die Gummiwarenfabrik »Krasnyj Treugolnik«, aber auch für OHK Leningrad und andere Hersteller in der Sowjetunion. Natalia Tyrkovas Fähigkeit, Spielzeugtieren einen eigenen Ausdruck zu verleihen, zeugt von einem umfassenden Naturstudium und von einem tiefen Verständnis der Dinge. Blieben ihre frühen Entwürfe in den 1950er und 1960er Jahren noch nah am realistischen Vorbild, fand sie fortan mit gestalterischem Mut zu immer reduzierteren Formen. In ihren letzten Lebensjahren widmete sich Natalia Tyrkowa mit zahllosen Zeichnungen und Aquarellen ihrer großen Liebe, den Katzen. In ihrem Haus vor den Toren Leningrads fanden sich einige ihrer frühesten Tierzeichnungen, die sie während des Krieges ihrer Mutter aus dem Krankenhaus sendete.

Puppen der Kindheit

In ihrem neuen Buch stellt Daria Soboleva die wichtigsten Protagonisten der Leningrader Spielzeuggestalter vor. Sie alle studierten nach dem Krieg an der Hochschule für Angewandte Kunst und waren später angestellt oder auch freischaffend in der Spielwarenindustrie tätig. Das Buch gibt auf 60 Seiten erstmals einen Überblick über jene Künstler, deren Arbeiten ganze Generationen von Kindern prägten. »Puppen der Kindheit – Leningrader Skulpturen für Kinder« – Boris Worobjew, Marianna Motovilova, Lev Razumovsky, Lev Smorgon, Galina Sokolova, Aelita Sylova, Natalia Tyrkova, Tamara Fedorova. | Kontakt Daria Soboleva

Krasnyj Treugolnik

Das »Rote Dreieck« liegt am Rande von Petersburg. Bereits im Jahre 1860 von einem Hamburger Kaufmann gegründet, entwickelte sich das russisch-amerikanische Gummiwerk Treugolnik am Obvodny Kanal zu Europas größtem Gummiproduzenten. Gummischuhe aller Art standen auf dem Programm. Mehr als 20 Millionen Paar liefen im Jahre 1912 vom Band. Während des I. Weltkrieges wurden auch Autoreifen und Gasmasken produziert. In den Jahren nach der Revolution wurde das Werk verstaatlicht. Fortan hieß es Krasnji Treugolnik (Rotes Dreieck). Neben Schuhen wurden nun auch Gummi- und Kautschukteile für sämtliche Industriezweige produziert. Während der deutschen Belagerung Leningrads (1941 – 44) war der Betrieb wiederum für die Rüstungsproduktion bedeutsam. Erst nach dem Wiederaufau der stark zerstörten Fabrikanlagen wurden seit den 1950er Jahren auch Spielwaren hergestellt. Natalia Tyrkova und Galina Sokolova verbrachten ihr ganzes Berufsleben damit, wunderbare Tiere und Figuren aus Gummi zu gestalten. Heute werden in dem weitläufigen Areal keine Gummiprodukte mehr produziert. Autoschrauber und junge Kreative haben sich darin ihren Platz erobert. Der größte Teil des imposanten Werkes ist jedoch dem Verfall preisgegeben, ein Ort der Erinnerung an bessere Zeiten.

Authentische Orte

Bei manchen Begegnungen in Sankt Petersburg traf ich auf historische Spielzeugtiere. Einige zeigen wir bereits in unserer Ausstellung. Andere waren neu und uns gänzlich unbekannt. Auch Entwurfsmodelle aus Gips und Modeliermasse, tatsächliche Unikate, bekam ich zu sehen. Tiere aus Zelluloid konnte ich neben Büsten von Boris Worobjew fotografieren, seltene Spielzeuge und Modelle am Arbeitsplatz von Lev Razumovsky. Daria Soboleva zeigte mir in ihrer Werkstatt restaurierte Modelle von Natalia Tyrkova und im einstigen Wohnhaus der Künstlerin begegneten mir Frosch und Hase, sowie eine Katze, die ich nie zuvor gesehen hatte.