Unterwegs mit Daria Soboleva

Die Freundschaft mit Daria Soboleva ist für uns ein wahrer Glücksfall. Die stille bescheidene Frau ist im weltweiten Web nicht leicht zu finden. Seit wir dennoch miteinander in Kontakt kamen, hat sie uns ohne Vorbehalt an ihrem Wissen teilhaben lassen und unsere Ausstellung maßgeblich unterstützt. Sie ist die Erste, die sich mit Ernst und Sachverstand der einstigen Leningrader Spielzeugindustrie zuwandte und dabei renommierte Künstler ihrer Heimatstadt als innovative Gestalter ausfindig machte und mit ihnen ins Gespräch kam. Zu Lev Smorgon, Lev Razumovsky und Marianna Motovilowa hat sie bereits biografische Schriften publiziert. Bei meinem Besuch in Sankt Petersburg durfte ich einen ersten Blick in ihr neues Buch »Leningrader Skulpturen für Kinder« werfen, dass die exponiertesten Künstler der Leningrader Schule sehr ausführlich behandelt. Es war eine große Freude, Daria endlich persönlich zu begegnen und sie nahm sich eine ganze Woche Zeit, um mit mir ein straffes Programm zu absolvieren, dass sehr persönliche Begegnungen mit hochbetagten Spielzeuggestaltern oder aber auch mit deren Hinterbliebenen ermöglichte. Wir besuchten zudem bei Wind und Wetter die Industrieruinen der Gummiwarenfabrik Krasnyj Treugolnik (Rotes Dreieck), die Hochschule für Angewandte Kunst, an der die Spielzeuggestalter einstmals studiert hatten und auch das Museum der Kindheit in Leningrad, in dem mir Daria sehr anschaulichen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Vergangenheit gab. So zeigte ein historisches Foto eine junge Frau, die ihrer Nichte eine Puppe kaufte – kurz bevor sie während der deutschen Blockade mit 19 Jahren an Hunger starb. Eine gemeinsame Tagesreise nach Moskau machte es zudem möglich, Adolf Neystat zu begegnen und ihm endlich persönlich zu danken für all die handgefertigten Entwurfsmodelle, die er mir zum Geschenk gemacht hat. Es waren sehr ereignisreiche Tage, die in unsere Ausstellung einfließen werden. Daria Soboleva möchten wir einmal mehr sehr herzlich danken, dass sie all das organisiert und ermöglicht hat.

Schatzsuche in Sankt Petersburg

Vom 1. bis 7. Juli 2016 begab sich Sebastian auf Reisen nach Sankt Petersburg. Es war ein Wiedersehen mit einer Stadt, die beim letzten Besuch vor mehr als 30 Jahren noch Leningrad hieß. Der alte Revolutionär grüßt noch immer in der ganzen Stadt von hohen Sockeln herab. Neu im Stadtbild sind Gucci, Prada und McDonalds. Spielzeug aus sowjetischer Zeit kann man nunmehr auf dem Trödelmarkt finden. Die prall gefüllten Läden offerieren heute das standardisierte Sortiment der westlichen Welt. Spielwaren aus russischer Produktion sind davon nicht mehr zu unterscheiden.

Der Tradition verpflichtet

Birkenwälder, Holzhäuser, Wiesen am Fluss – wenn es eine typisch russische Landschaft gibt, dann findet sich diese in den Bildern des Malers Anatoli Borisov (1944 – 2015). Er wagte weder das Experiment, noch suchte er nach Extremen. Seine künstlerische Heimat fand er in der Einfachheit des ländlichen Lebens und im Traditionellen. Geboren wurde Borisov im Dorf Aleksandrovka im Bezirk Orjol. Von 1965 bis 1969 studierte er an der Fachschule für industrielle Spielzeuggestaltung in Zagorsk. Seit seinem Studium lebte er in Vologta, wo er bis 1980 als Gestalter bei der örtlichen Spielzeugfabrik arbeitete. Das stolze Pferd von Anatoli Borisov hat seinen Platz in unserer Ausstellung. Mit wilder Mähne und wehendem Schweif scheint das stolze Tier geradewegs einer von Borisovs Landschaften entsprungen. Tatsächlich aber zeigt es das bucklige Pferdchen aus dem russischen Märchen – endlich von seinem Fluch befreit.

Querverbindungen

Die »Akkordeon-Tiere« und auch die aufblasbaren Spielfiguren der tschechischen Gestalterin Libuše Niklová zählen heute längst zu den Ikonen des modernen Designs. Das MoMa in New York widmete ihr 2011 bereits eine eigene Ausstellung. 1934 in Zlín geboren, absolvierte sie dort von 1949 bis 1953 ein Studium der angewandten Kunst. Bis 1960 arbeitete sie für die Firma Gumotex in Breclav. Bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1981 war sie dann bei Fatra in Napajedla als Spielzeuggestalterin tätig. Offenbar gab es in den 1960er und 1970er Jahren Kooperationen mit sowjetischen Produktionsbetrieben, denn wir fanden ihre berühmte Katze, produziert bei Wiatka in Kirow, und ihren Löwen, produziert bei Plastpolymer in Leningrad. Dank dieser internationalen Querverbindungen haben auch die Tiere von Libuše Niklová ihren festen Platz in unserer Ausstellung.

»ZOO MOCKBA« ist eröffnet!

Vom 18. März bis 31. August 2016 wird unsere Ausstellung im Naturmuseum Schloss Lackenbach im Burgenland (Österreich) präsentiert. Es ist die erste Ausstellung außerhab Russlands, die sich diesem Thema zuwendet. Mit Spielzeugtieren aus Kunststoff, Zelluloid und Gummi schufen namhafte wie bislang namenlose Gestalter ein einzigartiges Universum, das den Geist einer Epoche wiederspiegelt und das in seinem ernsthaften Gestaltungswillen beispielgebend ist. Viele dieser bunten Spielfiguren sind große Kunst für kleine Kinder – Skulpturen aus Plastik –  die ein traditionsreiches kulturelles Erbe in sich tragen und für Generationen prägend waren.

Auftakt in Lackenbach

Die erste Station unserer Ausstellung ist eröffnet. Eine Idee nahm Gestalt an, manifestierte sich in Arbeit, Investition und vielfältiger Unterstützung, für die wir uns sehr herzlich bedanken möchten. Ohne substanzielle Hilfe wäre alles nur ein Hirngespinst geblieben. Dies gilt für den Aufbau der eigenen Sammlung, für das Erlangen historischer Fakten und biographischer Informationen wie auch für die Installation dieser Webseite. Es gilt zudem ausdrücklich für Herbert Zechmeister, den Direktor des Esterházy Museums Schloss Lackenbach. Einmal mehr galt für ihn, ein Mann ein Wort. So findet die Ausstellung in seinem Museum einen würdigen Auftakt. Eine erste Etappe. Unsere Arbeit geht weiter und schon am nächsten Ort wird der »ZOO MOCKBA« ein anderer sein. Wirft man einen Blick in die Vitrinen, dann gibt es vieles zu entdecken und auch wir selbst erlangen die Gewissheit, dass es der Mühe lohnt.

Ausstellungsaufbau im Burgenland

Im Esterházy Naturmuseum Schloss Lackenbach (Burgenland /Österreich) erlebt unsere Ausstellung »ZOO MOCKBA« ihre Premiere. Die Mitarbeiter des Hauses waren uns beim Aufbau eine große Hilfe. 180 historische Spielzeugtiere fanden in den Vitrinen des Museums einen Platz. Darunter befinden sich auch handgefertigte Entwurfsmodelle, die uns der Moskauer Gestalter Adolf Neystat überlassen hat. Großformatige Fotografien an den Wänden heben einzelne Tiere aus der bunten Menge heraus und zeigen einige in ihren funktionalen Möglichkeiten.

Schöpfer der perfekten Form – Adolf Neystat

Nach dem Studium der Künste widmete Adolf Neystat Jahrzehnte seines Berufslebens der Formgestaltung für industrielles Kinderspielzeug. Didaktischen und pädagogischen Überlegungen folgend schuf er eigenwillige, charaktervolle Puppen und Tierfiguren. Zu allen Zeiten war er aber auch als freier Künstler tätig. 1995 schuf er in Moskau ein Denkmal für den 50. Jahrestag des Sieges über den Deutschen Faschismus. Bis heute folgt er seiner großen Leidenschaft, mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit die perfekte Form zu finden und aus Holz, Metall und Stein sein Ideal der Frau zu erschaffen. Mehr Informationen: adonik.ru und artmjeur.com

Der Tiger vor dem Sprung

Die Zeit vergeht. Der ZOO MOCKBA nimmt Formen an. Bald begeben wir uns auf die Reise ins Burgenland. Im Museum Schloss Lackenbach feiert unsere neue Ausstellung im März Premiere. Wir sind gespannt auf die Resonanz. Die Sammlung russischer Spielzeugtiere umfasst mittlerweile nahezu 300 Objekte. Wir werden kaum alles zeigen können und weiterhin kommen alle Tage neue hinzu – seltene, skurrile und traumhaft schöne. Heute gingen Informationstafeln und Fotos in die Produktion. Ausgesuchte Objekte wollen wir exemplarisch aus der Menge heben, um so die gestalterische Qualität und den eigenwilligen Charakter dieser längst vergangenen Spielwelt aufzuzeigen.

Meister der Moderne

Lev Smorgon gilt heute als Nestor der St. Petersburger Künstlerszene. Mit seinen Bildern und Skulpturen ist er in Ausstellungen, Museen und Galerien präsent. Kenner schätzen zudem seine unverwechselbaren Spielfiguren, die er seit den 1950er bis in die 1970er Jahre entwarf. 1929 in Detskoye Selo geboren, studierte Smorgon an der Hochschule für angewandte Kunst in Leningrad. Nach seinem Diplom im Jahr 1952 arbeitete er für die Lomonosov Porzellanmanufaktur, bis ihn sein Freund Lev Razumovsky in die Entwurfsabteilung der Okthinsky Werke holte. Durch ihre oft erstaunliche Abstraktion und ihren markanten Gesichtsausdruck formte er seine Puppen und Tiere zu ganz eigenen individuellen Charakteren. (Fotos: Eugen von Arb, St. Petersburg)